Quelle: Ausgabe #69 | September 2008 | Serie

Es gibt keine dummen Fragen…

Was geschah mit der Gorch Fock?

Nachdem wir bisher schon zwei Ihrer Fragen beantwortet haben und die Antworten hoffentlich nicht nur bei den Fragestellern das Allgemeinwissen etwas ergänzt haben, bekamen wir nun eine weitere Frage zugesandt. Frau Gundula S. schrieb uns:

„Bisher war ich der Meinung, das Segelschulschiff ‚Gorch Fock’ existiere schon seit den dreißiger Jahren. Im Westfalenblatt vom 14./15. Juni 2008 las ich: Die ‚Gorch Fock’ feiert am 23. August 2008 ihr 50jähriges Jubiläum.

Es gab aber bereits vorher ein Segelschulschiff ‚Gorch Fock’, Stapellauf 1933. (vgl. Peters, Volkslexikon 3. Reich). Ich erinnere mich, dass es jedes Mal ein großes Ereignis war, wenn die ‚Gorch Fock’ in ihren Kieler Heimathafen einlief.

Mich interessiert, was aus dem alten Schulschiff ‚Gorch Fock’ geworden ist. Ist es dem 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen? Starb es an Altersschwäche? Verschrottet? Kassierten die Siegermächte es 1945 ein? Oder fristet es heute sein Dasein in einem Schifffahrtsmuseum?“

doceri antwortet: Zunächst einmal ist es richtig, dass bereits 1933 ein Ausbildungsschiff mit dem Namen „Gorch Fock“ von der Hamburger Werft Blohm & Voss im Auftrag der deutschen Reichsmarine gebaut wurde. Sie ersetzte das 1932 gekenterte Schulschiff „Niobe“ und führte auch diverse Ausbildungsfahrten unter ihrem ersten Kommandanten Kapitän zur See Raul Mewes mit bis zu 198 Seekadetten durch. Neuer Heimathafen wurde 1935 Stralsund.

2. Weltkrieg

Als der Krieg ausbrach, wurde die Gorch Fock zusammen mit ihren Schwesterschiffen „Horst Wessel“ und „Albert Leo Schlageter“ hauptsächlich als Wohnschiffe verwendet und nur noch selten als Ausbildungsschiff genutzt. So lag das Schiff unter anderem in Swinemünde und Kiel, bis es Anfang 1944 zur Insel Rügen überführt wurde, wo wieder mit der Ausbildung von Kadetten auf der Ostsee begonnen wurde.

Ende des Jahres 1944 wurde das Schiff nach Stralsund überführt und später, als sich die Sowjetarmee der Stadt näherte, zu einem Liegeplatz vor der Halbinsel Drigge geschleppt. Am 27. April 1945 wurde das Schiff außer Dienst gestellt und teilweise abgetakelt.

Um die Gorch Fock nicht den Sowjets zu überlassen, beschloss man, das Schiff zu versenken. Am Morgen des 30. April 1945 – die sowjetischen Panzer standen bereits in Sichtweite – wurde Sprengstoff an Bord gebracht. Mittags begannen die sowjetischen Panzer mit dem Beschuss des Schiffes und die Gorch Fock wurde durch drei Granattreffer beschädigt. Um 14h wurde der Sprengstoff gezündet und die Gorch Fock versank im Strelasund.

Die Siegermächte

Als der Krieg vorbei war, wurde die versenke Gorch Fock der Sowjetunion als Kriegsbeute zugesprochen. Sie sollte zunächst gehoben werden, was sich aufgrund der ungewöhnlichen Durchführung – das Schiff sollte mit stehenden Masten gehoben werden – als unmögliches Unterfangen für die beauftragte Firma „B. Staude Schiffsbergung“ erwies. Folge war, dass 1947 in Stralsund eigens das „Bergungskontor“ als Landesgesellschaft gegründet wurde, dem dann die Bergung gelang. Das Schiff wurde zu Reparatur nach Rostock gebracht und dort, sowie in Wismar repariert, wo es im September 1949 den Namen Towarischtsch bekam und ab Juni 1951 als Segelschulschiff der sowjetischen Marine mit Heimathafen Cherson am Dnepr genutzt wurde.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangt die Towarischtsch in das Eigentum der Ukraine und feiert ihren 60. „Geburtstag“ unter anderem in Rostock. Der Zustand des Schiffes wird jedoch immer schlechter und die finanziellen Mittel zur Herstellung der Schiffssicherheit sind in der Ukraine nicht vorhanden, so dass das Schiff 1995 nach Newcastle-upon-Tyne (GB) überführt wird, wo es eine private Investorengruppe reparieren lassen will. Doch auch diese Reparatur scheitert an den hohen Kosten.

Rückkehr nach Deutschland

1998 bietet der Verein Tall-Ship Friends e.V. an, die notwendigen Reparaturen in Deutschland durchzuführen und so macht am 3. September 1999 in Wilhelmshaven fest, um als Flagschiff der EXPO 2000 an der Nordsee zu dienen. In 30 Tagen nach Ankunft des Schiffes sind mehr als 5t alter Einrichtungen demontiert und verschrottet.

Nach Streitigkeiten mit dem Eigner über eine Verlegung des Schiffes in eine Werft, zieht sich der Verein aus dem Restaurierungsprojekt zurück, erwirbt jedoch kurze Zeit später das Schiff, lässt in der Stralsunder Volkswerft die Schiffssicherheit wiederherstellen und tauft das Schiff unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wieder auf den Namen „Gorch Fock I“ um.

Heute

Im Jahre 2004 beginnen die eigentlichen Restaurierungsarbeiten an dem Schiff und der Verein Tall-Ship Friends e.V richtet ein Schiffs-museum ein, das im Jahr 2005 bereits 37.000 Personen besuchten Des Weiteren kann man die ehemaligen Kadettenunterkünfte als Veranstaltungsort für bis zu 500 Personen mieten.

In Zukunft möchte der Verein die Wiederinbetriebnahme der Gorch Fock I unter deutscher Flagge forcieren. Die 1. Baustufe (Fahrtgenehmigung für die Ostsee) erfordert 2,5 bis 3 Mio. €, die 2. Baustufe (mehrtägige Segelreisen) weitere 5 Mio. € und man ist zuversichtlich diese Geld auch zusammenbringen zu können.

Fazit

Die Antwort auf die Eingangs gestellte Frage lautet folglich wohl:

JA – die Gorch Fock ist dem 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen.

NEIN – die Gorch Fock starb nicht an Altersschwäche, war aber kurz davor.

JA – die Gorch Fock wurde (zumindest teilweise) verschrottet.

JA – die Gorch Fock wurde von den Siegermächten einkassiert.

JA – die Gorch Fock ist sogar selbst ein Schiffsmuseum und liegt in ihrem Heimathafen Stralsund.