Quelle: Ausgabe #58 | Juni 2006 | Gemeindeleben

„In Heimat und Glaube verwurzelt“

Zum Tode des oberschlesischen Grafen Valentin von Ballestrem

Graf Valentin v. Ballestrem, der älteste Sohn und Erbe des letzten deutschen Eigentümers von Schloss Plawniowitz (bis 1945), ist im Januar dieses Jahres verstorben.

Einigen Gemeindemitgliedern ist der Name Schloss Plawniowitz bei Gleiwitz in guter Erinnerung von der Busreise zur Orgeleinweihung im polnischen Priesterseminar in Gleiwitz.

Die alte Orgel aus der Kirche Hl. Familie in Uerentrup ist 1999 an den Bischof des 1992 neu errichteten Bistums Gleiwitz, Jan Wieczorek, abgegeben worden. Die Orgel wurde im Priesterseminar aufgebaut und erweitert. Zur Einweihungsfeier der umgebauten Orgel im November 2000 erhielt die Hl. Geist Gemeinde eine Einladung vom Bischof aus Gleiwitz. Alle, die an der Fahrt zu den Feierlichkeiten teilnahmen, konnten nicht nur das Schloss Plawniowitz (ein Zuckerbäckerschloss) kennen lernen, sondern auch die Schönheit nach der Restaurierung mit deutschen Mitteln unter der Leitung des Priesters Dr. Krystian Worbs bewundern, denn Bischof Wieczorek hatte für seine Gäste aus Bielefeld das Schloss Plawniowitz, welches jetzt als Bildungshaus des Bistums genutzt wird, reservieren lassen.

Der letzte rechtmäßige deutsche Eigentümer des Schlosses Plawniowitz war Graf Nikolaus Wolfgang v. Ballestrem. Sein Sohn, Graf Valentin v. Ballestrem, hatte bis zu seinem Tode im Januar 2006 gute Kontakte zu dem Besitz seiner Vorfahren und auch zu dem Leiter des jetzigen Bildungszentrums, Dr. Worbs.

In der Zeitschrift „Schlesien in Kirche und Welt“, dem Heimatbrief der Katholiken aus dem Erzbistum Breslau, war unter dem obigen Titel in der Nr. 2/2006 folgender Artikel von Helmut Neubach abgedruckt, der bestimmt für viele lesenswert ist:

Mit Valentin v. Ballestrem, der am 20. Januar 2006 nach schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren in Freising gestorben ist, verlieren die schlesischen Katholiken einen ihrer früheren Repräsentanten. Viele Jahre gehörte er dem Pastoralrat der Erzdiözese Breslau an. Geboren wurde Graf Valentin am 1. November 1928 als ältester Sohn des Grafen Nikolaus, der beim angloamerikanischen Terrorangriff auf Dresden umkam, und der Gräfin Anna von Walderdorff in dem im Kreis Gleiwitz/OS gelegenen Schloss Plawniowitz, das der Urgroßvater Franz, der schlesische Zentrumsführer und Reichstagspräsident, erbaut hatte. Nach rechtzeitiger Flucht vor der sowjetischen Front fand die Mutter mit ihren acht Kindern eine neue Heimat in Niederbayern. Graf Valentin studierte Jura, heiratete die Gräfin Elisabeth v. Westphalen, die ihm fünf Kinder gebar, und baute sich in Straubing/Donau eine neue Existenz auf.

Ganz in der Tradition seines Vaters, des Großvaters und des Urgroßvaters betätigte er sich bald auch politisch, und zwar in der CSU. Gleich mehrmals wurde er in den Stadtrat von Straubing gewählt.

Noch stärker war – ebenfalls wieder im Geiste seiner Vorfahren – die Einsatzbereitschaft des Grafen im kirchlichen Bereich. Vom Pfarrgemeinderat seiner Straubinger Heimatpfarrei führte ihn der Weg in den Diözesanrat des Bistums Regensburg, dem er seit seiner Gründung angehörte. Als aktiver und kritischer Laie wirkte Graf Valentin über zwei Jahrzehnte lang (1973 – 1994) erfolgreich als Vorsitzender dieses Gremiums in dem Bestreben, auch andere Christen von der Notwendigkeit der Mitarbeit zu überzeugten. Weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wurde er als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in Bonn. Die Gemeinsame Synode der Bistümer Deutschlands (1972 – 1975) erlebte er als einer der 140 Laien an der Seite des Regensburger Bischofs Rudolf Graber.

Nicht nur in Politik und Kirche setzte sich Graf Ballestrem für seine Mitmenschen ein, sondern auch im sozialen Bereich, besonders im Malteser-Hilfsdienst, den er im Bistum Regensburg von 1965 – mit einer Unterbrechung von fünf Jahren – bis zu seinem Tode leitete. Ihm stellte er in der Aufbauphase Flächen seines Straubinger Grundstückes zur Verfügung. Hunderten von Gläubigen werden die von ihm geleiteten Wallfahrten und Pilgerzüge, z.B. nach Altötting, zeitlebens in Erinnerung bleiben. Mit Recht heißt es daher im Nachruf dieser sozialen Organisation: „Sein Leben war geprägt von selbstlosem, unermüdlichem Einsatz für die Malteser und die ihnen anvertrauten Menschen.“

Zum politischen, kirchlichen und sozialen Engagement trat als vierte Komponente seines Lebens – längst nicht als letzte – die schlesische hinzu. Als traditionstreuer Oberschlesier setzte sich Graf Ballestrem in den zahlreichen Organisationen, denen er angehörte, überall für die Belange seiner Heimat ein. Alljährlich feierte er mit seinen schlesischen Malteserrittern, unter denen er eine führende Stellung einnahm, in der Benediktinerabtei Grüssau zu Wimpfen/Neckar die Karwochenliturgie.

Obwohl Graf Valentin als Nestor einer der reichsten oberschlesischen Magnatenfamilien durch die Vertreibung ein großes Wirtschaftsimperium verloren hatte, knüpfte er schon relativ früh Verbindungen zur alten Heimat, insbesondere zu Erzbischof Alfons Nossol, der ihn lange vor der Wende in Straubing besuchte. Es besteht eine tiefe Freundschaft zwischen der gräflichen Familie und dem Oppelner Oberhirten, der es sich auch nicht nehmen ließ, am 11. März in Freising das Sechswochenamt für den Verstorbenen zu halten. Mehrmals besuchte der Graf zusammen mit seinen Angehörigen und einzeln Plawniowitz, wo er noch Mitglieder des ehemaligen Personals vorfand. Das Schloss war bei Kriegsende 1945 zwar ausgeplündert, aber nicht zerstört worden. In den neunziger Jahren wurde es mit deutschen Geldern gründlich renoviert und zu einer Tagungsstätte des Bistums Oppeln ausgebaut (heute im Besitz des Bistum Gleiwitz).

Bei so zahlreichen Verdiensten, die sich Graf Ballestrem sowohl für den Staat als auch für die Kirche erwarb, ließen Ehrungen und Auszeichnungen nicht lange auf sich warten. Nur drei seien genannt: der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, der päpstliche Silvesterorden und die Goldene Verdienstplakette des Malteser-Hilfsdienstes.

Wer wie der Chronist, der die Edition des umfangreichen Tagebuchs des Reichstagspräsidenten vorbereitet, gleich mehrmals die Gastfreundschaft des Grafen Valentin erleben durfte, kann dem Urteil des Regensburger Generalvikars Michael Fuchs beistimmen, der in seinem Nachruf auf den Verstorbenen „seine Liebenswürdigkeit und seinen Humor, seine Gradlinigkeit und seine Verlässlichkeit“ lobt. Unvergesslich sind dem Chronisten die Gespräche mit diesem oberschlesischen Edelmann, der ähnlich wie sein nur zehn Monate früher verstorbener jüngerer Bruder Johannes ein lebendiges Adelslexikon verkörperte, ebenso unvergesslich die Mahlzeiten, die die gräfliche Familie mit mehreren Verwandten an einem riesigen Eichentisch einnahm und die der Hausherr mit Tischgebeten einleitete und beendete. Der Gast spürte auf Schritt und Tritt, dass hier inmitten dieser traditionsbewussten Großfamilie der Geist des oberschlesischen katholischen Adels weiterlebte. Dabei war die moderne großräumige Villa, die sich Graf Valentin in Straubing in den sechziger Jahren erbaute, längst kein „Klein-Plawniowitz“, längst kein Ersatz für das prächtige Schloss in Oberschlesien, das er als würdiger Hausherr bewohnt hätte, wenn es das Jahr 1945 nicht gegeben hätte.

Mit Graf Valentin v. Ballestrem, diesem in Heimat und Glaube verwurzelten echt katholischen Edelmann, geht ein Stück schlesischer Adelsgeschichte zu Ende. Doch gottlob wird die Traditionslinie nicht abreißen: Sein zweiter Sohn Nikolaus ist willens und gewiss auch fähig, das geistige Erbe dieser einst so bedeutenden Magnatenfamilie zu übernehmen und zu bewahren.